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Notdienst - das ungeliebte Kind

Welcher Kollege kennt nicht die Situation: Sonntagabend, Notdienstbereitschaft, der „Tatort“ läuft und gerade wenn es spannend wird klingelt das Telefon. Ein Patient am anderen Ende der Leitung klagt über Beschwerden, die er schon seit drei Tagen hat, die aber nun absolut keinen Aufschub mehr dulden.

Solche und ähnliche Situationen führen dazu, dass der zahnärztliche Notdienst nicht unbedingt zu den beliebtesten Facetten der zahnärztlichen Tätigkeit gehört. Hinzu kommt in einigen Notdienstbereichen eine zunehmende Frequenz durch eine Abnahme der am Notdienst teilhabenden Kollegen. Die Konsequenz sind die derzeitigen Diskussionen über die Zusammenlegung von Notdienstbereichen, eine Verkürzung der Notdienstzeiten oder Überlegungen, in Ballungsgebieten Notfälle an Kliniken zu verweisen - bis hin zu der Frage, ob ein zahnärztlicher Notdienst überhaupt notwendig ist.

Bei allem Verständnis für die genannten Probleme und Befürwortung der Zusammenlegung von Notdienstbereichen unter bestimmten Voraussetzungen, sollten wir uns aber auch an unsere eigentliche Profession erinnern:

In erster Linie sind wir ZahnÄrztinnen und ZahnÄrzte und damit verantwortlich für unsere Patienten - in Notfällen auch außerhalb unserer Sprechzeiten. In diesem Sinne sehe ich den zahnärztlichen Notdienst nicht nur als Belastung für den diensthabenden Kollegen, sondern gleichzeitig auch als Entlastung für alle übrigen Kollegen im Notdienstbereich. Diese können durch die Organisation des Notdienstes nämlich in aller Ruhe ihrer Freizeitgestaltung nachgehen, ohne Angst haben zu müssen, dass sich einer ihrer Patienten an sie wendet bzw. haben sie die Gewissheit, dass ihre Patienten durch den diensthabenden Kollegen versorgt werden.

Ein Verzicht auf einen zahnärztlichen Notdienst kommt schon aus rechtlichen Gründen (SGB V, Heilberufsgesetz, Berufsordnung) nicht in Betracht und auch die Übergabe des Notdienstes ausschließlich in die Hand von Kliniken sehe ich kritisch. Es kann standespolitisch nicht gutgeheißen werden, wenn wir immer mehr Aufgaben, die uns lästig sind, an Hilfspersonal oder klinische Einrichtungen abtreten (Notdienst an die Kliniken, kleine Reparaturen und Einproben an die Zahntechniker und das „Zahnsteinkratzen“, Abformungen und andere kleinere an sich zahnärztliche Tätigkeiten bis hin zur Beratung in komplexen prothetischen Fällen können die Helferinnen übernehmen, etc.). Damit sägen wir, bildlich gesprochen, selbst an dem Ast, auf dem wir sitzen. Irgendwann ist der Schritt zur Vergewerblichung unseres Berufsstandes dann nicht mehr weit.

Auch bei der Zusammenlegung von Notdienstbereichen sollten wir im Flächenland Brandenburg darauf achten, dass trotz allem eine wohnortnahe Versorgung gewährleistet bleibt. Sicher ist die Erreichbarkeit nicht so stringent zu betrachten, wie bei unseren ärztlichen Kollegen, da wir in der Regel nicht lebensbedrohliche Zustände zu behandeln haben. Aber ich denke auch einem Patienten mit einer akuten Nachblutung oder der Mutter eines Kindes mit akuter Schmerzsymptomatik sind über 50 km Anfahrtsweg nicht zumutbar.

Dies soll nicht den notwendigen Diskussionsprozeß über eine effektive Organisation des Notdienstes in unserem Land abwürgen, aber wir sollten uns unserer Verantwortung als ZahnÄrztinnen und ZahnÄrzte bewusst sein. Auch und insbesondere im Interesse unserer Patienten.

 

Sven Albrecht

Vorsitzender VNZ LB

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